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9.3. Lineare Unabhängigkeit


Im letzten Abschnitt haben wir präzise angeben, wann eine Erzeugersequenz verlängert werden kann, ohne das Erzeugnis zu ändern. Wir greifen diesen Gedanken noch einmal auf, betrachten diesmal jedoch die umgekehrte Richtung: Unter welchen Umständen läßt sich eine Erzeugersequenz "verlustfrei" verkürzen? Oder: Welche Sequenzen enthalten "überflüssige" Erzeuger, welche nicht?

Die folgenden Begriffe beschreiben beide Situationen:
 
Definition:Es sei V ein Vektorraum.

Eine Sequenz v1,,vk von Vektoren aus V heißt

  • linear abhängig, falls es ein vi{v1,,vk} gibt, so dass
    <v1,,vk>=<v1,,vi1,vi+1,,vk>. *)
     
  • linear unabhängig, falls sie nicht linear abhängig ist.

_______
*) Gelegentlich kürzen wir <v1,,vi1,vi+1,,vk> durch <v1,,vi,,vk> ab.


Beachte:

Da bei einem Erzeugnis <v1,,vk> die Reihenfolge der Erzeuger unwesentlich ist, spielt auch bei der linearen Abhängigkeit, bzw. Unabhängigkeit die Reihenfolge der Vektoren keine Rolle.

 
Bei Sequenzen der Länge 1 bzw. 2 ist die lineare Anhängigkeit leicht zu überblicken:
 
Bemerkung:
  1. v  linear abhängigv=0.
  2. v,w  linear abhängigv=αw      w=αv.

Beweis:

Zu 1.: v  linear abhängig<v>=<v>=   <>={0}v=0.

Zu 2.: 
"":  Ist etwa v<v,w>=<w>, so gibt es ein geeignetes α, so dass v=αw.
"":  Ist etwa v=αw, so hat man:  v<w>=<v,w>, also ist die Sequenz v,w linear abhängig.


Bei längeren Sequenzen ist meist ein deutlich größerer Aufwand erforderlich, um die lineare Abhängigkeit zu testen. Es lohnt sich daher, nach zusätzlichen Kriterien zu suchen.

3. in der folgenden Bemerkung ist das Standardkriterium für lineare Abhängigkeit.
  
Bemerkung: Es sei V ein Vektorraum, v1,,vkV, dann sind die folgenden Aussagen äquivalent:
  1. v1,,vk linear abhängig
     
  2. Es gibt ein vi{v1,,vk}, so dass vi<v1,,vi,,vk>
     
  3. Es gibt α1,,αk, mit mindestens einem αi0, so dass α1v1++αkvk=0
     

Eine Darstellung des Nullvektors gemäß 3. nennt man eine nicht-triviale Darstellung der Null (in <v1,,vk>). Die Äquivalenz 1. 3. läßt sich daher auch so formulieren:

v1,,vk ist genau dann linear abhängig, wenn sich der Nullvektor nicht-trivial aus v1,,vk linear kombinieren lässt.

Beweis:

1. 2.:  Nach Definition gibt es also ein vi{v1,,vk}, so dass
 

<v1,,vk>=<v1,,vi,,vk>.

Mit vi<v1,,vk>, hat man daher aber auch: vi<v1,,vi,,vk>.

2. 3.:  vi<v1,,vi,,vk> bedeutet: es gibt α1,,αk so dass

vi=α1v1++αi1vi1+αi+1vi+1++αkvk.

Folgt:  0=α1v1++αi1vi1+(1)vi+αi+1vi+1++αkvk. Dabei ist der Koeffizient von vi ungleich Null; es liegt also eine nicht-triviale Darstellung der Null vor.

3. 1.:  Ist nun α1v1+αkvk=0 eine nicht-triviale Darstellung der Null, etwa αi0, so lässt sich diese Gleichung nach vi umstellen:

vi=α1αiv1αi1αivi1αi+1αivi+1αkαivk<v1,,vi,,vk>.
Das bedeutet aber: <v1,,vk>=<v1,,vi,,vk>.
 

Das folgende Beispiel benutzt neben dem Standardkriterium (in a.) auch die Alternative 2. (in b. und in c.):
 
Beispiel:
  1. In 3 ist die Sequenz (121),(220),(411) linear abhängig, denn: 2(121)+3(220)+2(411)=0 ist eine nicht-triviale Darstellung der Null.
     
  2. In ist X2+X,X2X,X, denn: X2X=X2+X2X<X2+X,X>.
     
  3. In F() ist sin2,cos2,1 linear abhängig, denn: 1=sin2+cos2<sin2,cos2>.

  4.  
 

In einer ersten Anwendung notieren wir drei allgemeine Beispiele:

Beispiel:  In jedem Vektorraum V sind Sequenzen, die den Nullvektor 0 enthalten, oder bei denen Vektoren doppelt vorkommen sofort linear abhängig:
  1. v1,,vk,x ist linear abhängig für alle x<v1,,vk>.
     
  2. v1,,vk,0 ist linear abhängig.
     
  3. v1,,vk,vk ist linear abhängig.
     

Beweis:

Zum ersten Beispiel: x<v1,,vk,x>! Die restlichen sind Spezialfälle des gerade bewiesenen.

 

In der folgenden Bemerkung stehen technische Aspekte im Vordergrund; beim Beweis nutzen wir das Standardkriterium:

Bemerkung:  Es sei V ein Vektorraum, v1,,vk,xV,   α0, dann gilt:
  1. v1,,vk linear abhängigv1,,vk,x linear abhängig.
     
  2. v1,,vk linear abhängigv1,,αvi,,vk linear abhängig.
     
  3. v1,,vk linear abhängigv1,,vi,vj+vi,,vk linear abhängig.
     
  4. v1,,vk linear abhängigv1,,vi,vj+αvi,,vk linear abhängig.
     

Beweis:

Zu 1.:  Ist α1v1++αkvk=0 eine nicht-triviale Darstellung der Null in <v1,,vk>, so ist offensichtlich 

α1v1++αkvk+0x=0

eine nicht-triviale Darstellung der Null in <v1,,vk,x>.

Zu 2.:  Für die Richtung "" sei wieder eine nicht-triviale Darstellung der Null in <v1,,vk> gegeben:

α1v1++αkvk+0x=0.

Da nun α0, lässt sich diese Gleichung auch so notieren:

α1v1++αiααvi++αkvk=0.
Das ist aber eine nicht-triviale Darstellung der Null in <v1,,αvi,,vk>.

Die Richtung "" ergibt sich direkt aus dem gerade Bewiesenen:   Mit v1,,αvi,,vk ist dann nämlich auch v1,,1ααvi,,vk=v1,,vk linear abhängig.

Zu 3.: Für i=j liegt 2. (mit α=2) vor; sei also o.E. ij.
  "":  Sei noch einmal 

v1++αivi++αjvj++vk=0

eine nicht-triviale Darstellung der Null in <v1,,vk>. Dann ist offensichtlich  

v1++(αiαj)vi++αj(vj+vi)++vk=0

eine Darstellung der Null in <v1,,vi,,vj+vi,,vk>, und zwar eine nicht-triviale, denn: Falls αj0, ist nichts zu zeigen und falls αj=0, liegt die Originaldarstellung vor!

"":  Wir argumentieren der Reihe nach (mit der Richtung "" aus 2., 3. und wieder 2.):

v1,,vi,,vj+vi,,vklinear abhängigv1,,vi,,vj+vi,,vklinear abhängigv1,,vi,,vj+vivi,,vklinear abhängigv1,,vi,,vj,,vklinear abhängig.

4. ergibt sich in ähnlicher Weise aus 2. und 3.

 

Diese Bemerkung eröffnet eine neue Möglichkeit, die lineare Abhängigkeit einer Sequenz zu begründen: Man wende die Äquivalenzen 2. bis 4. solange an, bis eine Sequenz entsteht, deren Abhängigkeit direkt zu erkennen ist, z.B. weil in ihr der Nullvektor auftritt oder Vektoren doppelt vorkommen.
 
Beispiel:

  (31),(11),(11)  linear abhängigAddiere den1. Vektor zum 2.(31),(22),(11)  linear abhängigMultipliziere den3. Vektor mit 2(31),(22),(22)  linear abhängig
 

Die folgende Bemerkung gibt Auskunft über einen bestimmten strukturellen Aspekt des n. In der Natur seiner Elemente, also der n-Tupel, liegt es begründet, dass nicht beliebig lange, linear unabhängige Sequenzen gebildet werden können.
 
Bemerkung:  Für; x1,,xkn gilt:
  1. k>nx1,,xk  linear abhängig.
  2. x1,,xk  linear unabhängigkn.

Beweis: Es reicht offensichtlich, nur den Fall k=n+1 zu betrachten (Siehe 1. in der letzten Bemerkung). Wir führen den Beweis per Induktion über n. Im Induktionsschluss muß dabei zwischen n+1 und n vermittelt werden; wir benutzen dabei die folgenden Zusammenhänge:
 

  • xn, so ist (x0)n+1.
  • Ist xn+1 und setzt man x=(x1xn) , so ist xn und x=(xxn+1).

Es gilt nun zunächst der folgende Hilfssatz:

Ist x1,,xk linear abhängig in n, so ist (x10),,(xk0) linear abhängig in n+1.(+)

Denn ist α1x1++αkxk=0 eine nicht-triviale Darstellung der Null in n, so ist offensichtlich

α1(x10)++αk(xk0)=0
eine nicht-triviale Darstellung der Null in n+1.

Nun zum eigentlichen Induktionsbeweis:

n=1:¯   Die Vektoren des 1 sind gewöhnliche reelle Zahlen. Die Sequenz x1,x2 in ist sicherlich linear abhängig, falls x1=0 ist; sei daher x10. Dann ist aber

x2=x2x1x1<x1>,
d.h. x1,x2 ist linear abhängig.

n      n+1:¯   Seien nun n+2 Vektoren des n+1 gegeben:  x1,,xn+2. Dann sind x1,,xn+2   n+2 Vektoren des n, nach Induktionsvoraussetzung ist diese Sequenz also linear abhängig. Ist nun die Sequenz  x1,,xn+2 von der Form (x10),,(xn+20), so ist sie nach (+) ebenfalls linear abhängig. Wir nehmen daher an, einer der Vektoren xi ist in der letzten Koordinate nicht mit 0 besetzt; dies sei - die Reihenfolge ist ja unerheblich - etwa der letzte: xn+2,n+10.
Wir setzen nun für i{1,,n+1}:

yi=xixi,n+1xn+2,n+1xn+2.

Nach Induktionsvoraussetzung ist  y1,,yn+1 eine linear abhängige Sequenz in n. Da gemäß Konstruktion bei den Vektoren  y1,,yn+1 die letzte Koordinate jeweils mit 0 belegt ist, ist nach (+) diese Sequenz, und damit auch  y1,,yn+1,xn+2 linear abhängig in n+1. Dies ist aber nach 4. in der Bemerkung zuvor äquivalent zur linearen Abhängigkeit von  x1,,xn+2.
 

 

In einigen Fällen ist die lineare Abhängigkeit also durch einfaches Zählen festzustellen. So ist z.B. die Sequenz (12),(23),(34) allein auf Grund ihrer Länge linear abhängig.

 


Linear unabhängig sein bedeutet nach Definition: nicht linear abhängig sein. Daher ergibt sich aus nahezu jedem der bisherigen Ergebnisse über die lineare Abhängigkeit durch bloßes Verneinen eine entsprechende (und sogar schon bewiesene) Aussage über die lineare Unabhängigkeit!

 
Bemerkung:
  1. ist linear unabhängig.
  2. v linear unabhängigv0
  3. v,w linear unabhängigvαw      wαv

Beweis:

2. und 3. ergeben sich direkt aus der entsprechenden Bemerkung für die lineare Abhängigkeit. 

Zu 1. argumentiert man folgendermaßen: kann nicht linear abhängig sein, denn sonst gäbe es in einen überflüssigen Vektor; die leere Sequenz enthält aber überhaupt keine Vektoren.

 

 
Bemerkung: Es sei V ein Vektorraum, v1,,vkV, dann sind die folgenden Aussagen äquivalent:
  1. v1,,vk linear unabhängig
  2. Es gibt keine Darstellung der Null  α1v1++αkvk=0, so dass αi0 für ein i
    d.h.: ist  α1v1++αkvk=0, so folgt:  α1==αk=0.

     Es gilt also das folgende Standardkriterium für die lineare Unabhängigkeit:

v1,,vk ist genau dann linear unabhängig, wenn sich der Nullvektor nur trivial aus v1,,vk linear kombinieren lässt.

Wir üben das Standardkriterium an einigen Beispielen und betrachten zunächst zwei Sequenzen, auf die wir als Referenzbeispiele oft zurückgreifen werden:
 
Beispiel:
  1. In n gilt: e1,,en ist linear unabhängig.
  2. In n gilt: 1,X,,Xn ist linear unabhängig.

Beweis:

Zu a.: Ist (α1αn)=α1e1++αnen=0 eine Darstellung des Nullvektors, so hat man offensichtlich: α1==αn=0. D.h.: Aus den Vektoren e1,,en lässt sich der Nullvektor nur trivial kombinieren.

Zu b.: Eine Darstellung des Nullvektors α01+α1X++αnXn=0 ist hier eine Darstellung des Nullpolynoms; gemäß Nullpolynomtest ist dies aber nur möglich, wenn alle Koeffizienten mit 0 besetzt sind: α1==αn=0.

 
Beispiel:
  1. (131),(220),(101) ist linear unabhängig,
    denn: Aus einer beliebigen Darstellung des Nullvektors α(131)+β(220)+γ(101)=0 ergibt sich das folgende lineare Gleichungssystem:
     
    α+2β+γ=02β=0β=03α+2β=03α+2β=0α=0α+γ=0α+γ=0γ=0

    Also lässt sich der Nullvektor aus den gegebenen Vektoren nur trivial kombinieren.

  2. sin , cos  ist linear unabhängig: 
    Sei αsin+βcos=0. Da dies eine Funktionengleichung ist, kann man durch Einsetzen gezielt gewählter Werte beliebig viele Zahlengleichungen ableiten; so ergibt sich z.B. für 0 die Gleichung 
     
    αsin0+βcos0=0β=0,

    und für π2 die Gleichung 
    αsinπ2+βcosπ2=0α=0.
     
  3. eaX,ebX  linear unabhängigab
    Beweis:
    "": Wäre a=b, so wäre eaX,ebX=eaX,eaX als Sequenz mit einer Verdopplung linear abhängig.
    "": Mit ab ist auch <eaeb. Sei nun
    αeaX+βebX=0.
    Setzt man in diese Gleichung zunächst 0 und anschließend 1 ein, erhält man das folgende Gleichungssystem:
     
    α+β=0αea+βeb=0β=αα(eaeb)=0α=0β=0

    Also ist eine Kombination des Nullvektors aus eaX,ebX nur trivial möglich.

 

Bemerkung:  Es sei V ein Vektorraum, v1,,vkV, α0, dann gilt:
  1. v1,,vk linear unabhängigv1,,αvi,,vk linear unabhängig.
  2. v1,,vk linear unabhängigv1,,vi,,vj+vi,,vk linear unabhängig.
  3. v1,,vk linear unabhängigv1,,vi,,vj+αvi,,vk linear unabhängig.

Wie schon bei der entsprechenden Bemerkung zur linearen Abhängigkeit ergibt sich auch hier die Möglichkeit einer zweiten Testmethode auf lineare Unabhängigkeit: Man forme eine gegebene Sequenz solange äquivalent um, bis eine bekannte, linear unabhängige Referenzsequenz entsteht.
 
Beispiel:
 

  •   (121),(010),(021)  linear unabhängigSubtrahiereden 3. Vektor vom 1.(100),(010),(021)  linear unabhängigAddiere das 2-fachedes 2. Vektors zum 3.e1,e2,e3  linear unabhängig
     

  •   X3,X2+X,X2X,X+1  linear unabhängigAddiere den3. Vektor zum 2.X3,2X2,X2X,X+1  linear unabhängigMultipliziere den2. Vektor mit ½X3,X2,X2X,X+1  linear unabhängigSubtrahiere den2. Vektor vom 3.X3,X2,X,X+1  linear unabhängigAddiere den3. Vektor zum 4.X3,X2,X,1  linear unabhängigMultipliziere den3. Vektor mit 1X3,X2,X,1  linear unabhängig
 

In der folgenden Bemerkung untersuchen wir, wie sich die lineare Unabhängigkeit bei Änderungen der Sequenzlänge verhält. Dabei dürfte das Verkürzen von Sequenzen keine Probleme bereiten, liegt es doch "im Trend" der Unabhängigkeit. Interessanterweise ist unter genau kalkulierbaren Umständen auch das Verlängern von Sequenzen unschädlich.
 
Bemerkung:  Es sei V ein Vektorraum, v1,,vk,xV, dann gilt:
  1. v1,,vk,x linear unabhängigv1,,vk linear unabhängig.
  2. v1,,vk linear unabhängig      x<v1,,vk>v1,,vk,x linear unabhängig.

Beweis:

Zu 1.:  Wäre v1,,vk linear abhängig, so wäre auch die verlängerte Sequenz v1,,vk,x linear abhängig.

Zu 2.:
"": Um zu zeigen, dass v1,,vk,x linear unabhängig ist, setzen wir eine Darstellung der Null an:

α1v1++αkvk+αx=0(*)

Zunächst gilt nun: α=0, denn sonst wäre x=α1αv1αkαvk<v1,,vk>, ein Widerspruch also.

Damit aber reduziert sich Darstellung (*) auf

α1v1++αkvk=0,

so dass aus der linearen Unabhängigkeit von v1,,vk folgt:  α1==αk=0.

"": Aus 1. erhält man sofort: v1,,vk ist linear unabhängig. Wäre nun x<v1,,vk>, so wäre einem der allgemeinen Beispiele im oberen Teil die Sequenz v1,,vk,x linear abhängig.

 


 9.2
9.4.